2020 hat gezeigt, dass einer der ersten Bereiche die Kunst ist, auf die man „verzichten“ kann oder muß, wenn es zur Krise kommt. Je länger diese Krise jedoch andauert, umso mehr scheint es so zu sein: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Dieses Bibelzitat ist auch als Anforderung zu sehen – an die Kunst ebenso wie an uns als Gesellschaft.
Die Heimat, der Körper, der Tod und das Leben und ihre zur Schau gestellten Riten und Symbole in der öffentlichkeit, fraglos an die nächste Generation weitergegeben, haben über die Jahrhunderte hinweg einerseits für den Schein einer einzig wahren Identität und deren Verleihung an jene, die man als zugehörig anerkennen wollte, um keinen Machtverlust zu riskieren, gesorgt – andererseits für den Ausschluss derer, die tradierte Dogmen in Bezug auf diese existenziellen Themen nicht erfüllen konnten/wollten oder in Frage stellten. Auf der Suche nach dem eigenen wahren Ich taten sich da mitunter bodenlose Abgründe auf – über die Ina Loitzl, Ona B., Josef Wurm und Christian Bazant-Hegemark einen Hochseilakt vollführen – ohne Netz.
„Die Veränderung, die der Glaube heute erfährt, ist nicht sosehr ein Veränderung des Glaubensinhalts…als der Form…!“ schreibt die Philosophin Isolde Charim in ihrem Buch Ich und die Anderen – Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert. „Naiv, also direkt und selbstverständlich, kann nicht mehr geglaubt werden!“ Selbst der Glaube werde nicht mehr automatisch, von Generation zu Generation weitergegeben sondern bedürfe einer autonomen Entscheidung des Subjekts für oder gegen den/einen bestimmten Glauben.
Eine Form der Kurzbotschaft und ihre Jahrhunderte alte Geschichte betrifft die Karikatur, die ebenso geballt und scheinbar in Echtzeit in das Bewusstsein der EmpfängerInnen „einzuschlagen“ vermag wie der sogenannte Tweet. Die Geschichte der Karikatur führt eine Gratwanderung vor Augen: wie weit muss die freie Meinungsäußerung zu politischen, gesellschaftlichen oder religiösen Themen als friedvolle und daher umso nachhaltigere Waffe gegen scheinbar in Stein gemeißelte Herrschaftsinstanzen gehen können und wo beginnt die Hetzkampagne? Die Schärfung der Sensibilität im Umgang mit freier Meinungsäußerung ist nicht nur im Sinne der Kreation und Verbreitung sondern vor allem auch der Klassifizierung bei deren Rezeption ein Gebot der Zeit.
Die gegenwärtige Entwicklung der Kreation und Verbreitung von „Weltnachrichten“ in Form von kurzen Tweets inspiriert das Haus Grünspan dazu, hinter weitere Formen der vermeintlichen Kurzbotschaft zu blicken – den witzigen bis spitzen, ironischen bis sarkastischen, den liebevollen bis aggressiven Ton des Striches einer Zeichnung oder eines Gemäldes. Den Hang, Fabelwesen erzählen zu lassen, Mischwesen, die das menschliche, allzumenschliche zur Schau stellen.
Der aktuellen Vermutung, Leben käme aus dem Smart Computer und sei aus dem sogenannten Algorithmus zu berechnen, setzt die in Bayern aufgewachsene Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow ihr aus einem gemeinsamen Grund der Kulturen destilliertes Denken und Fühlen entgegen. Ihre bemalten femininen Holzskulpturen aus duftendem und klingendem (Linden)holz sprechen davon, dass der Lebenssaft Blut – namens Häm – mit dem Lebenssaft der grünen Pflanze, dem Chlorophyll, aufs Engste verwandt ist.